Gedanken zum Sonntag

Da wir keine Gottesdienste in der Kirche feiern dürfen, 

können Sie hier einen kurzen Andachtstext

von unseren Pastorinnen und Pastoren der Region lesen.

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Sonntagsgruß zum 29. März von Pastorin Anke Dittmann, Ratekau
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Sonntagsgruß zum 22. März von Pastorin Kirsten Rasmussen
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Predigt zum Nachlesen

Da der Gottesdienst am Sonntag Okuli nicht stattfinden konnte, können Sie hier die Predigt von Pastor Kramer nachlesen

Predigt von Pastor Stefan Kramer über:

„Deine Gebote sind mein Lied geworden im Haus, in dem ich Fremdling bin."  (aus Psalm 119) 

für den Sonntag Okuli (15. März 2020) St. Michaeliskirche Pansdorf

im Rahmen der Konzert- und Predigtreihe des Kirchenkreises Ostholstein über die Psalmen

 

Liebe Gemeinde!

Nicht mehr oft kommt es heute vor, dass ein Mensch sich am Ende seines Lebens einen Bibelvers wünscht, der Zeugnis ablegt davon, wer er war, und wie er gelebt hat. Und der ihn dann auch hinüber geleitet vom einen in das andere Leben. Ein solcher Vers, gesucht und gefunden, könnte über dem letzten Rückblick dessen stehen, der sein Leben überschau - vor allem aber über dem Rückblick derer, die sich später an ihn erinnern. Ein solcher Vers, wenn er klug gewählt ist, wird geradezu zum Schlüssel; er ermöglicht ein Verständnis und gibt einen Sinn. Das kann bitter nötig sein in Zeiten des Abschieds, wenn alles sich verwirrt und verdüstert. Da zeigt sich dann, wie stark die stärksten dieser Verse sind, und was an Trost und Ermutigung, Deutung und Klärung sie zu geben vermögen.

Und das nicht nur für die eigene Seele, sondern auch ganz offiziell und mit Außenwirkung: Texte für Todesanzeigen müssen formuliert werden, in einigen Fällen auch für den Grabstein. Und zuallererst wird der Pastor/die Pastorin die Hinterbliebenen fragen, was für ein Bibelvers denn der Beerdigungs-Predigt vorangestellt werden soll. Das mit dem Bibelvers sei ja mit gutem Grund so vorgegeben, es handle sich wahrhaftig um eine Predigt, nicht bloß eine Ansprache, der Vers werde dann auch in die Kirchenbücher eingetragen usw.

Offen gestanden: das ist mein Zugang bei der Frage nach einem Bibelvers, der einem ganzen Leben gerecht werden könnte. Meistens muss ich die Frage im Vorgespräch ganz schnell wieder zurückziehen: sie löst nur Verlegenheit aus. Über so etwas ist zu Lebzeiten niemals gesprochen worden. Der Idealfall ist noch, wenn auf den Taufspruch von damals zurückgegriffen werden kann: wenn der sich denn bewährt und etwas zu tun bekommen hat mit dem Leben, auf das nun zurückgeblickt wird. Auch der Konfirmations- oder der Trauspruch käme selbstverständlich in Frage. Fast immer jedoch läuft es auf ein: Ach, Herr Pastor, da kucken Sie mal! hinaus. Und dann kucke ich - und finde nichts. Die Lebensläufe, so wie ich sie erzählt und manchmal auch aufgeschrieben bekomme (den Lebensläufen, wie man sie für Bewerbungen schreibt, nicht unähnlich), haben ihren guten Sinn, wenn sie imstande sind, Erinnerungen wachzurufen - Raum für tiefsinnigere Betrachtungen lassen sie in aller Regel nicht.

Ist das schade? Ich meine: ja. Wie alle älteren Menschen lese ich, wenn ich die Zeitung lese, immer auch die Todesanzeigen. Und ich wundere mich über die Anspruchslosigkeit der meisten Sprüche, die in diesen Anzeigen stehen. Es gibt Ausnahmen, ganz wunderbare Ausnahmen sogar, aber ich verstehe doch nicht, dass es überwiegend immer dieselben Sprüche sind - für doch vermutlich ganz verschiedene Menschen. Und manchmal, wenn ich einen Menschen gekannt habe, denke ich: stimmt doch gar nicht!

Lebensende und Totengedenken: das ist sozusagen der Ernstfall für den Umgang mit Worten der Bibel. Die härteste aller Bewährungsproben. Aber selbstverständlich haben die Worte nicht nur im Rückblick und in der Gesamtschau ihren Platz, sondern in jedem Lebensabschnitt und in jeder Situation. (Auch in der jetzigen: „SEINE Wahrheit ist Schirm und Schild, dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen, vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt“ Psalm 91.) Es lohnt sich jeden Tag, ein paar Worte zu lesen, die dann mal leichter, mal schwerer verständlich sein werden, mal besser und mal schlechter passen. Im Lauf der Zeit wird man seine Lieblingsverse aus der großen Menge herausfinden, und vielleicht läuft es am Ende sogar auf einen Vers hinaus.

Das muss durchaus kein Psalmvers sein. Aber es fällt doch auf, wie oft es einer ist. Ich will nicht behaupten, dass das Buch der Psalmen eine einfache Lektüre wäre. Aber es kommt eben doch das ganze Leben darin vor. Deshalb war es für Luther eine Bibel im Kleinen und ein Gebet- und Liederbuch für alle Anlässe. Sicherlich, auf manche Verse könnten wir heute gut verzichten; manches klingt befremdlich in unseren Ohren. Doch alles, was wir möglicherweise zum Leben - und zum Sterben bräuchten, steht eben auch in diesem Buch.

Von einem solchen letzten, abschließenden Wort, sehr bewusst ausgewählt unter tausend möglichen Worten, soll heute die Rede sein: Deine Gebote sind mein Lied geworden im Haus, in dem ich Fremdling bin. Oder wörtlich im Luther-Deutsch: im Hause meiner Wallfahrt. Es ist das Abschiedswort eines berühmten, sehr alt gewordenen Musikers. Er hat viele, viele Psalmen in Musik gefasst: voller Respekt, aber auch voller Leidenschaft. Allen Empfindungen, die in den Psalmen ausgedrückt werden, hat er nachgespürt und sie ebenso präzise wie mitreißend nachgezeichnet.

Psalmen bilden den Schwerpunkt seines Schaffens als Mann in der Mitte seines Lebens, ein Psalm steht auch an dessen Ende: als Greis von 86 Jahren, ein Jahr vor seinem Tod. Es steht zu vermuten, dass er mit und aus den Psalmen gelebt hat; dass er nicht zuletzt deshalb trotz schwierigster Zeitläufte und Lebensumstände so alt geworden ist. Er hat das ganze umfangreiche Buch mit seinen 150 Psalmen auswendig im Gedächtnis gehabt. Es hat ihm die Kraft gegeben, die er zum Leben brauchte; vielleicht darf ich sagen: es hat ihn ernährt. So wie eine Theologin unserer Tage, Dorothee Sölle, von sich selber schreibt: „Die Psalmen sind für mich eins der wichtigsten Lebensmittel. Ich esse sie, ich trinke sie, ich kaue auf ihnen herum, manchmal spucke ich sie aus, und manchmal wiederhole ich mir einen mitten in der Nacht. Sie sind für mich Brot.“

Der 119. Psalm ist vielleicht nicht der erste, an den man denken würde, wenn man von Psalmen als Lebensmittel redet. Es ist der längste von allen, mit Abstand; gut 20 Minuten dauert es, wenn man ihn sich laut vorliest. Und irgendwann ist man ja auch satt. Noch dazu handelt er von den Geboten Gottes - ein doch nicht so ganz leicht verdauliches Thema. Aber gerade diesen Psalm hat Heinrich Schütz - das ist der Name des Komponisten, von dem hier die Rede ist - besonders geliebt. Ihm hat er sein letztes großes Werk gewidmet. Seinen „Schwanengesang“. Danach kann er in Frieden sterben.

Aber das eigentlich Spannende ist doch die Frage: Was für ein letztes Wort steht nun über diesem Sterben? Und über den Trauerfeierlichkeiten für den berühmtesten Musiker seiner Zeit? Für welches Wort hat der alte Mann sich entschieden? Denn tatsächlich: die Sache ist entschieden. Er hat entschieden. Und diese Entscheidung steht fest, schon einige Zeit vor seinem Tod; das ist geregelt, und die notwendigen Verfügungen sind getroffen. Alles Weitere muss er nun aus der Hand geben. Das ist die Demut des alten Mannes: er weiß, dass er sich das letzte Wort nicht selber sagen kann - er wird es sich zusprechen lassen. Und er wird es seinen Angehörigen und der hinterbleibenden Welt zusprechen lassen, wenn er selber nichts mehr hört. Und auch die letzte Musik wird ein anderer für ihn komponieren, und andere Ohren werden sie hören. Einen seiner liebsten und fähigsten Schüler hat er damit beauftragt, ihm die Sterbe-Motette zu schreiben: eine große Ehre und Beweis eines großen Vertrauens.

Deine Gebote sind mein Lied geworden im Haus, in dem ich Fremdling bin. Das ist seine Wahl: dieser Vers. In diesen Worten findet er sein Leben zusammengefasst. Er ist hineingewachsen in dieses Leben - und ein wenig wohl auch wieder hinaus. Fremdheitsgefühle... Alles ist ihm fragwürdig geworden, nur die Gebote seines Gottes: die haben ihm Halt gegeben, immer fester, immer zuverlässiger. Und mehr als Halt: sie haben sich in seinen Ohren wie Musik angehört. Und er selber hat das Seine dazu getan, sie in Klang, in Lieder zu verwandeln. Die Gebote sind zu Liedern, zu einem einzigen, alles umfassenden Lied geworden. Ja: geworden; die Welt, die er verlässt, ist nicht dieselbe, die er vorgefunden hat. Er hat sie neu zum Klingen gebracht. Ein ganzes langes Leben hat es dazu gebraucht.

Der auf dem ersten Blick eher unscheinbare Psalmvers ist durch Heinrich Schütz berühmt geworden. So etwas wird immer die große Ausnahme bleiben. Aber immerhin: wir bekommen eine Ahnung davon, was man gewinnt, wenn man mit den Worten der Bibel umgeht. Wenn wir sie so lesen, wie beispielsweise Schütz sie gelesen hat - aber nun auf unsere Geschichte, unsere Erfahrung, unsere Befindlichkeit hin. Mit etwas Glück und Gottes Hilfe finden wir - ich, du, Sie - einen Vers fürs Leben. AMEN

 

Pastor Stefan Kramer, Krankenhausseelsorger in Neustadt in Holstein (stefan.kramer@kk-oh.de)